Spielzeit 16/17

Ernst Deutsch Theater, Hamburg

Gift. Eine Ehegeschichte

 

Gift. Eine Ehegeschichte

Schauspiel von Lot Vekemans

Aufführungsrechte: Kiepenheuer Bühnenvertrieb

Regie: Wolfgang Stockmann

Mit: Nina Petri und Nicki von Tempelhoff

 

Tourneezeitraum: 15. Januar - 15. Februar 2017

 

 

Zum Inhalt

Über zehn Jahre haben sie sich nicht gesehen, nicht miteinander gesprochen. Nun treffen die Frau und der Mann erstmals wieder zusammen – an dem Ort, an dem ihr Kind begraben liegt, das bei einem Autounfall ums Leben kam. Nach diesem Schicksalsschlag war für beide nichts mehr wie es einmal war. Um mit dem Tod des Kindes zurechtzukommen, sind die Ehepartner damals sehr unterschiedliche Wege gegangen. Er hat versucht, sich in Frankreich ein neues Leben aufzubauen und wird bald wieder Vater werden. Sie ist in dem gemeinsamen Haus geblieben, findet jeden Gedanken an Veränderung unerträglich und hat sich ganz in ihre Trauer eingesponnen. Für das Wiedersehen in der Halle des Friedhofs, auf dem Jacob beerdigt ist, gibt es einen triftigen Grund: Angeblich wurde Gift im Boden gefunden und die Toten müssen umgebettet werden. So steht es in dem Brief, den der Mann bekommen hat – von seiner Ex-Frau, die auf diese Weise  ein Treffen arrangiert. In den paar Stunden, die sie gemeinsam verbringen, versuchen sie eine Annäherung, um das Erlebte und ihre Geschichte wieder

zusammenzubringen.

 

„Gift“ ist eine tastende Suchbewegung zweier Menschen nach der Möglichkeit, die Vergangenheit zu akzeptieren, in gemeinsamer Erinnerung Ruhe zu finden und Vertrautes wieder zuzulassen. Dabei lässt das Stück selbst in der tiefsten Tragik des Lebens auch komische Momente aufblitzen.

„Mit ihrem wunderbaren Dialog über zwei Menschen, die erst ein Kind verloren haben, dann sich selbst und dann einander, trifft Vekemans direkt ins Herz.“, heißt es in der Jurybegründung für den Taalunie Toneelschrijfprijs, den die Autorin am 29. November 2010 für „Gift „erhielt.

Kritiken

Was ein Wunder ist, vor allem ein Theaterwunder: Dialoge wie jene in „Gift“ wollen die meisten Thea­ter­au­toren heute nicht mehr schreiben. Und die, die es wollen, können es nicht. „Gift“, geschrieben erst 2009, wirkt wie eine Zeitreise in ferne Thea­terjahrzehnte, in denen das Reden noch geholfen hat, in denen der postmoderne Theoriediskurs den Glauben an selbstidentische Charaktere und an den Dialog noch nicht zerstört hatte. „Gift“ ist psychologischer Realismus at it‘s best. Egal, wie man dazu steht: Vekemans ist ein beachtlicher, ein

gro­­­­ßer Text gelungen, den man mit Gewinn liest. Tobias Becker

 

Schon der Text ist sehr klug, skizziert die Trauer und die Vorwürfe, die aus ihr entstehen. Jeder reklamiert den größten Schmerz für sich... Süddeutsche Zeitung

 

Das ist ganz untheaterhaftes, zeitgenössiches Theater, das uns nahegeht.Münchner Merkur

 

Wenn man noch Schmerzen hat, dann ist man noch am Leben. Manche Resonanz braucht nicht mit ein paar Leuten mitzuschwingen, eine gute Geschichte hat immer eine entgiftende Wirkung.Chang Xiao Ni (Choreographin und Dozentin an der Beijing Normal University)

 

„Gift“ ist eine klassische Schönheit, nach zahlreichen Theaterbesuchen habe ich womöglich zum allerersten Mal so wirklich den Zauber der Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung genießen können.

Shi Jun (Beijing Huiyi Jiujiu Kultur und Medien GmbH, Marketing)

 

Was wir Zuschauer in diesem Stück geboten bekommen, ist ein seltenes Zusammentreffen großartiger Voraussetzungen. Den Stoff, den Lot Vekemans gewählt hat, eignet sich hervorragend, um auf kleinem Raum große Themen der Menschlichkeit und des menschlichen Daseins zu reflektieren, und dabei noch den abgelenktesten Theaterbesucher ins Herz zu treffen. Messerscharfe Formulierungen, von denen man sich am liebsten eine nach der anderen aufschreiben möchte, um sie nicht zu vergessen, tun dabei ihr übriges, damit die einzelnen Szenen noch lange in den Zuschauerköpfen nachhallen werden.

Lisa Letnansky

 

Nina Petri

Nina Petri wurde in Hamburg geboren. Sie studierte von 1983 bis 1987 an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum. 1986 spielte sie ihre erste Bühnenrolle in Köln, 1989 gab sie ihr Fernsehdebüt in dem Vierteiler "Rote Erde".

Nach prägnanten Rollen in Filmen wie Sönke Wortmanns "Allein unter Frauen" (1991) und Doris Dörries "Happy Birthday, Türke!" (1992) sowie in der TV-Serie "Mit List und Krücke" (1992) gelang Nina Petri 1993 der Durchbruch mit der Titelrolle in Tom Tykwers "Die tödliche Maria" – ihre Leistung in Tykwers Psychodrama brachte ihr nicht nur hervorragende Kritiken, sondern auch einen Bayerischen Filmpreis ein. In den folgenden Jahren war Petri neben Fernsehrollen ("Schimanski – Hart am Limit", 1997; "Die Unschuld der Krähen", 1998; "Duell der Richter", 1999; 1994 bis 2001 als Kripobeamtin in der Serie "Zwei Brüder") in einer Reihe ambitionierter Kinoproduktionen zu sehen: So etwa als mörderische Sekretärin in der melancholischen Komödie "Zugvögel ... einmal nach Inari" (1997), als Femme Fatale in "Die Unschuld der Krähen (1998), als Geliebte von Franka Potentes Vater in "Lola rennt" (1998) oder in Doris Dörries Ensemble-Komödie "Bin ich schön" (1998). Für ihre Leistung in letzteren beiden Filmen wurde Petri mit dem Bundesfilmpreis als Beste Nebendarstellerin ausgezeichnet.

Mit Beginn der 2000er Jahre spielt Nina Petri vor allem in zahlreichen Fernsehfilmen wie Christian Görlitz' Drama "Nachts, wenn der Tag beginnt" (2003), der Beziehungskomödie "Schöne Männer hat man nie für sich allein" (2004) oder dem Kammerspiel "Die Konferenz" (2004) und Serien wie "Tatort" oder "Ein Fall für zwei". Im Kino sieht man Nina Petri unter anderem in einer Hauptrolle in Peter Lichtefelds "Playa del Futuro" (2005) sowie in markanten Nebenrollen in "Am Tag als Bobby Ewing starb" (2005) oder "Emmas Glück" (2006).

Auch in Lars Jessens TV-Krimis "2 für alle Fälle – Ein Song für den Mörder" (2010) und "2 für alle Fälle - Manche mögen Mord" (2012) hat sie als Freundin der von Jan Fedder gespielten Hauptfigur einprägsame Auftritte, außerdem als beste Freundin einer misshandelten Frau in dem Drama "Kehrtwende" (TV, 2011). Unter der Regie von André Erkau verkörpert sie in dem Familiendrama "Das Leben ist nichts für Feiglinge" (2012) die Mutter eines jugendlichen Ausreißers. Seit 2013 spielt Petri eine Hauptrolle als Hauptkommissarin in der Krimiserie "Heiter bis tödlich - Zwischen den Zeilen".

 

Nicki von Tempelhoff

Nicki von Tempelhoff wurde am 3. Oktober 1968 in Nordrhein-Westfalen geboren. Die Familie zog anschließend nach Holland; als 15-jähriger kehrte Nicki von Tempelhoff nach Deutschland zurück. Auf seine Schauspielausbildung an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule folgte 1990 sein erstes Engagement an den Bühnen der Stadt Köln.

Von 1995 bis 1999 gehörte er zum Ensemble des Thalia Theaters in Hamburg, bevor er 1999 an das Wiener Burgtheater wechselte und dort bis 2004 Ensemblemitglied war. Danach entschied sich Nicki von Tempelhoff als freiberuflicher Schauspieler zu arbeiten. Gastengagements hatte er unter anderem an den Münchner Kammerspielen, am Düsseldorfer Schauspielhaus sowie am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. 2011 spielte er an den Hamburger Kammerspielen in dem Stück "Enron" und wurde für seine Darstellung des Jeffrey Skilling mit dem Rolf-Mares-Preis ausgezeichnet.

Häufig ist der Schauspieler auch in Film- und Fernseh­produkt­ionen zu sehen. Im Jahr 2000 machte er als "Wärter" Kamps in Oliver Hirschbiegels Film "Das Experiment" auf sich aufmerksam.

 

Der Regisseur:

Wolfgang Stockmann arbeitete unter anderen am Staatstheater Stuttgart, an der Internationalen Kulturfabrik Kampnagel Hamburg und am Schauspielhaus Zürich. Als Autor und Regisseur verantwortet er Hörspielarbeiten für den NDR, WDR, HR und SWR.

Von 2000 bis 2006 war Wolfgang Stockmann als Programmleiter der Sparte Hörbuch des Hoffmann und Campe Verlags in Hamburg tätig.

2006 gründete er die Firma •stück•werke• Die Kulturfirma.

Neben Hörspielinszenierungen und Hör­buch­­produktionen entwickelt Wolfgang Stock­­mann Stoffe für die akustische Um­set­zung und für musikalisch-theatralische Bühneninszenierungen, wie z. B. „Mezzanotte – Lieder der Nacht“ mit Ulrich Tukur und dem Lutz Krajenski Orchester oder „Mitten ins Herz! - Eine vielstimmige Performance für 7 Schauspieler, Klavier und Bilderzyklen“ für den 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg.

Bei den ersten Hamburger Privattheatertagen 2012 war er als Juror tätig, am Ernst Deutsch Theater inszenierte er 2013 „Der Teufel und die Diva“ von Fred Breinersdorfer und Katja Röder.

 

Gedanken zur Inszenierung von Wolfgang Stockmann:

Am Ende geht es um zwei Figuren, zwei Schauspielerpersönlichkeiten, das Publikum und das tragische Leid eines Paares, das sein Kind verloren hat. Das Theater wird zum Raum des Zuhörens, des Mit-Erlebens, des Mit-Leidens, des Erkennens, des Verstehens. Regieführen bedeutet hier für mich, eine Geschichte zu moderieren.

Aus: Programmheft zu Gift, Ernst Deutsch Theater

 

Die Autorin:

Lot Vekemans wurde 1965 in Oss in den Niederlanden geboren. Sie, studierte Soziale Geografie an der Reichsuniversität Utrecht. Anschließend absolvierte sie die Ausbildung zum Theaterautor an der Akademie für Autoren in Amsterdam. Seit 1995 schreibt Lot Vekemans für das Jugend- und Erwachsenentheater. Ende 2004 gründete sie ihre eigene Theatergruppe Stiftung M.A.M. (Mehrere Antworten Möglich). Für ihre Stücke wurde sie vielfach ausgezeichnet, für das Schauspiel „Gift“ erhielt sie den „Taalunie Toneelschrijfprijs.“